Stecklinge oder Samen? Was die Vermehrungswege botanisch unterscheidet

Pflanzen lassen sich auf zwei grundlegend verschiedene Arten vermehren: generativ über Samen und vegetativ über Pflanzenteile wie Stecklinge, Teilstücke oder Ableger. Beide Wege führen zu Nachwuchs, unterscheiden sich aber deutlich in Genetik und Vielfalt, Entwicklungsweg und Gesundheitsrisiken sowie Planbarkeit.

Genetik und Vielfalt: Nachkommen oder Klone

Samen entstehen nach Bestäubung und Befruchtung. Dabei wird Erbgut neu kombiniert. Das Ergebnis ist genetische Vielfalt. Auch wenn das Saatgut aus einer Sorte stammt, etwas Robustes für den Balkon oder etwas Überwinterungsfähiges für den Garten, können sich einzelne Pflanzen in Wuchs, Blühzeit, Widerstandsfähigkeit oder Inhaltsstoffprofil unterscheiden. Diese Variation ist botanisch normal und für die Züchtung ein zentraler Vorteil. Genetische Variabilität ermöglicht Selektion, Anpassung an bestimmte Bedingungen und die Ausbildung neuer Eigenschaften.

Stecklinge sind dagegen vegetative Vermehrung. Sie entstehen aus einem Teil einer bestehenden Pflanze und führen in der Regel das identische Erbgut der Ausgangspflanze. Rosmarin, Monstera, Feige oder auch Cannabis Stecklinge sind einige von vielen, und es handelt sich um Klone. Die Pflanzen selbst bringen durch ihre vegetativen Eigenschaften mit sich, dass Wuchsform, Blattbildung und Blüheigenschaften eine große Ähnlichkeit zeigen. Damit fehlt auch die Breite der Sortierung im Bestand. Schwäche der Pflanzen kann dann der Schwäche im ganzen Bestand gleichen, da die Pflanzen gleichartig reagieren.

 

 

Entwicklungszeit und Planbarkeit

Für die Erbsen, Bohnen und andern Samenpflanzen beginnt die Entwicklung mit der Keimung. Vom Keimling geht die Entwicklung durch die juvenile Phase, bis die Pflanze ihre besonderen Eigenarten, z. B. Blühfähigkeit, Ausreifung zeigt. Mag diese Anfangszeit auch ein natürliches Notwendiges sein, so belastet sie doch die Entwicklung zeitlich und macht sie sehr abhängig von den Keimbedingungen, vom Substrat, von Temperatur und Feuchte.

Die Stecklinge haben die Keimung hinter sich. Sie beginnen als bereits entwickeltes Gewebe und brauchen nur noch zu wurzeln. Das kann die Kulturzeit verringern und die Entwicklung besser planbar machen, besonders dann, wenn ganz einheitliche Pflanzen für die Topfgrößen, für die Heckenabschnitte, für die Serienpflanzungen verlangt werden. Das hat den Nachteil, dass Stecklinge oft empfindlicher auf Stress reagieren, weil sie an Wasseraufnahme und Stabilität erst mit dem Wurzelwerk arbeiten können.

Pflanzenkrankheiten: Wo die Probleme typischerweise liegen

Saatgut gilt oft als der „sauberere“ Start, weil nicht jeder Erreger in jedem Samen steckt. Natürlich ist das kein Freifahrtschein. Saatgut kann vergammelt sein und Jungpflanzen können sich sehr früh mit Pilzen oder Schädlingen anstecken. Aber bei Saatgut ist der Infektionsweg oft klarer erkennbar, wenn Saatgut, Lagerung und Keimumgebung stimmen.

Bei Stecklingen ist das Risiko meist anders herum. Die Krankheiten und Schädlinge kommen direkt mit der Mutterpflanze, ob das nun Viren sind oder Spinnmilben oder Pilzprobleme, die kaum zu sehen sind. Also spielt das Ausgangsmaterial eine große Rolle. Quarantäne für alle neuen Pflanzen ist ein kluger Standard, egal ob Steckling oder Sämling.

Stecklingsarten kurz und bündig

Ein Steckling ist im allgemeinen Sprachgebrauch meist ein Triebabschnitt, was botanisch aber nur eine der Möglichkeiten der vegetativen Vermehrung ist. Diese verschiedenen Arten setzen je nach Pflanze mehr oder weniger gut um.

  • Kopfsteckling: Triebspitze mit mehreren Knoten. Bei vielen Kräutern, Stauden, Zierpflanzen wie Rosmarin, Salbei oder Fuchsien
  • Teilsteckling: Mittelstücke eines Triebs. Bei vielen Zimmerpflanzen wie Efeutute oder Philodendron
  • Blattsteckling: Blatt mit Stiel oder Blattstück. Bei Begonien oder Usambaraveilchen bekannt
  • Wurzelsteckling: Stücke der Wurzel treiben aus. Bei manchen Stauden, Gehölzen wie zum Beispiel Erdbeeren
  • Ableger und Kindel: Seitentriebe, die auch schon eigene Ansatzstellen haben, bei Erdbeeren oder Grünlilien zum Beispiel
  • Teilung von Rhizomen oder Horsten: Vegetative Vermehrung ohne klassischen Steckling, bei vielen Stauden

Diese Systematik lässt sich auf sehr unterschiedliche Arten beziehen, vom Lavendel Steckling über die Johannisbeere als Gehölzsteckling, bis zu Cannabis Stecklingen.